Blackout: Wien, eine lichte Strom-Insel


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#Aktuelles#Energie#Interview#Strom#Versorgungssicherheit
Mario Leitner im Gespräch über das Katastrophenszenario Blackout
Mario Leitner ist verantwortlich für den Bereich Netztechnik und Betrieb Strom bei den Wiener Netzen.© Wiener Netze/Michael Gludovatz
Bei einem flächendeckenden Ausfall des Stromnetzes (Blackout) hat Wien mit dem Kraftwerk Simmering ein Ass im Ärmel.

Blackout: Kein Strom bedeutet kein Puls im Kreislauf unserer Zivilisation. Ohne Strom kein elektrisches Licht, kein Internet, vielleicht auch keine Heizung, weil die Pumpen streiken. Alles hängt am Netz. Jeder, der einmal einen Stromausfall erlebt hat, weiß das.

Mechanische Schäden am Leitungsnetz sind eine Sache, die sind Routine; ein flächendeckender Stromausfall des Systems ist dagegen ein ganz anderes Szenario. Und damit das nicht eintritt, arbeiten 2.400 MitarbeiterInnen der Wiener Netze täglich, rund um die Uhr daran, die Stabilität des Netzes aufrecht zu erhalten. Eines sei dabei vorweg geschickt: Wien ist für den Ernstfall gerüstet: In Simmering steht ein schwarzstartfähiges Kraftwerk. Also ein Kraftwerk, das auch ohne Strom von außen gestartet werden kann, und mit dem das Netz des Landes sukzessive wieder hochgefahren werden könnte. Im Katastrophenfall Blackout wäre Wien damit also eine Insel des Lichts.

Mario Leitner ist verantwortlich für den Bereich Netztechnik und Betrieb Strom bei den Wiener Netzen. Im Interview mit NetzImpuls erklärt er, wieso es eben doch mehr als nur ein Feuerzeug braucht, um ein Gaskraftwerk in Gang zu bringen, was die Stabilität eines Stromnetzes mit einer Waage zu tun hat und wieso die Nachrichten über gerade noch verhinderte Stromnetz-Zusammenbrüche eigentlich gute Nachrichten sind.

NetzImpuls: Wie wahrscheinlich ist denn ein Blackout, also ein großflächiger und längerer Ausfall des Stromnetzes?

Mario Leitner: Als Techniker und Naturwissenschafter kann man eine großflächige Versorgungsunterbrechung natürlich nicht ausschließen. Ich kann aber sagen: Wenn man sich die Grunddynamiken der Physik ansieht und wie wir in Wien und ganz Österreich aufgestellt sind, dann ist die Chance eher verhalten groß.

Und man muss vor allem auch sagen: Die Wahrscheinlichkeit für ein Blackout ist in den vergangenen Jahren nicht unbedingt gestiegen, auch wenn uns bewusst ist, dass erneuerbare Energieträger Volatilitäten mit sich bringen. Aber die haben wir mit Investitionen in das Netz, einer vorausschauenden Digitalisierung und Modernisierung unserer Betriebsmittel (Transformatorstationen, Umspannwerke, etc.) im Griff.

Stichwort Digitalisierung. Da orten viele auch einen Unsicherheitsfaktor. Ist die Digitalisierung ein Segen oder doch auch eine Risikoquelle?

Es gibt keinen Vorteil ohne Nachteil. Die Digitalisierung birgt sicher auch Herausforderungen. Man muss sich schützen – wir sind hier aber nicht nur am Stand der Zeit, sondern unserer Zeit voraus.

Wir arbeiten mit einem Sicherheitskonzept in mehrere Schichten, so dass das Risiko geringer wird. In einem Stromnetz geht es darum, die Waage zwischen Erzeugung und Verbrauch immer im 50hz-Bereich im Ausgleich zu halten. Danach trachten wir mit digitalen und auch analogen Maßnahmen.

Hochspannungswarte Strom
Die Stadt die niemals stillsteht - Stefan Marinkovic in der Hochspannungswarte der Wiener Netze. © Besser Stadtleben/Andreas Jakwerth

Was wären dann also Gründe für einen größeren und längeren Ausfall des Stromnetzes?

Wenn diese Waage zwischen Verbrauch und Erzeugung  zu wanken beginnt. Dann kommt die Elektrofrequenz ins Ungleichgewicht und es könnte zu größeren Stromausfällen kommen. Es ist aber eben unsere Aufgabe, diese Waage im Gleichgewicht zu halten. Man darf nie etwas ausschließen. Aber ich kann sagen, dass wir die Wahrscheinlichkeit, dass das Netz aus dem Gleichgewicht kommt, minimieren können, weil wir eben schon im Vorfeld agieren und dadurch rasch reagieren können.

Wir verhindern automatisch und mit erprobten Vorsichtsmaßnahmen, dass es zu einem flächendeckenden Ausfall kommt. Da bergen die erneuerbaren Energieformen sicher auch Herausforderungen, weil es schwieriger ist, die Produktion von Energie aus Sonne oder Wind vorherzusagen. Aber diesen Unsicherheits-Quellen wirkt man entgegen, indem man eben das Netz ausbaut, anpasst und mit elektronischen und auch digitalen Lösungen stabilisiert.

Wien hat ein Schwarzstart-Kraftwerk – also ein Kraftwerk, das ohne Strom von außen gestartet werden kann. Jetzt könnte man als Laie sagen: ein kalorisches Kraftwerk ist ein Wassertank, eine Wärmequelle und eine Dampfturbine. Was ist so besonders an einem Schwarzstart-Kraftwerk? In der Logik eines Laien: Alles was es braucht, ist doch Brennstoff und ein Feuerzeug?

Es ist nicht so leicht. Je längerdauernd und je großflächiger ein Ausfall, umso mehr muss man beim Hochfahren das Netz dann eben auch laufend synchronisieren. Sprich: diese schon erwähnte Waage zwischen Produktion und Verbrauch immer im Ausgleich halten. Also einfach ein Knopfdruck und Feuerzeug reichen da leider nicht aus. Da sind mehrere Synchronisationsschritte nötig, um das System wieder hochzufahren. Man wird zum Beispiel einmal schauen, dass infrastrukturell notwendige Leitungen zu Spitälern, zum öffentlichen Verkehr so lang wie möglich am Netz bleiben und dann auch als erstes wieder ans Netz gehen. Und da haben wir in Wien eben ein Schwarzstart-Kraftwerk, um diese Infrastruktur ehestmöglich wieder zu versorgen. Das wird auch laufend geübt. Und in den Übungen funktioniert das auch ausgezeichnet. 

Mario Leitner, Bereichsleiter Netztechnik und Strom
Mario Leitner nennt laufende Investitionen in die Infrastruktur und regelmäßige Übungen als wesentliche Faktoren zur Vermeidung und Bewältigung von Stromausfällen. © Wiener Netze/Michael Gludovatz

Es gibt immer wieder Nachrichten, dass das Kraftwerk in Simmering einspringen musste, um Produktionstäler auszugleichen. Also wenn mehr Strom benötigt wird, als gerade verfügbar ist. Ist das beunruhigend?

Das ist im Kontext der erneuerbaren Energie unser tägliches Brot. Und man muss ja auch sagen, dass es gut ist, dass wir die Möglichkeit haben, auszugleichen.

Europa stand am 8. Jänner 2021 am Rand des Blackouts, sagen ExpertInnen. Was ist da passiert?

Da kam es aufgrund eines hohen Stromflusses vom Süden Europas zu einer Überlastung eines Umspannwerks. Daraufhin kam es zu Ausfällen und zu einem Ungleichgewicht der Waage von Produktion und Verbrauch. Das führte in einem Teil Europas zu einem Frequenzanstieg und im anderen Teil zu einem Frequenzeinbruch.  Vor allem aber haben am 8. Jänner 2021 sicherheitstechnische und automatisierte Mechanismen, die bei solchen Toleranzbereichs-Verletzungen anspringen, sofort ausgeglichen. Die meisten KundInnen haben das gar nicht mitbekommen. Da kooperiert ganz Europa. Da gibt es einen regen Austausch innerhalb Österreichs, aber vor allem eben auch innerhalb Europas. Die Mechanismen haben gut funktioniert. Aber nichtsdestotrotz müssen wir uns laufend verbessern und vorausschauend planen und investieren.

Lesetipps info-icon

Wiener Netze Website-Beitrag: Was tun bei Stromausfall?

Interaktive Karte zur Stromversorgung und Stromstörungen

Kronen Zeitung vom 24.10.2021: Kein Grund zur Panik – Wien bleibt bei einem Blackout als Insel versorgt

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