Trafostation von innen
In modernen Trafostationen werden wichtige Werte ermittelt und in die Zentrale der Wiener Netze übertragen. ©PID/Christian Fürthner
Die Energiewende schreitet gefühlt langsam voran, ist aber tatsächlich eine rasche Wende, sagt Florian Kohl von den Wiener Netzen.

Das Stromnetz besteht nicht mehr aus Einbahnstraßen, sondern es herrscht Gegenverkehr! Früher floss der Strom vom Kraftwerk zum Haushalt – wie das Wasser vom Berg ins Tal. Heute sind viele Haushalte selbst Stromproduzenten und betreiben Photovoltaik-Anlagen. Die technologischen Entwicklungen im Stromnetz schreiten rasch voran, weiß Florian Kohl von den Wiener Netzen. Er ist für die Digitalisierung und Strategie im Stromnetz verantwortlich. „Die Energiewende ist etwas, was sehr langsam und stetig passiert – zumindest sieht es für unsere Kund*innen so aus. Für uns Netzbetreiber ist sie eher eine rasche Wende mit angezogener Handbremse auf spiegelglatter Fahrbahn“, erklärt Kohl.

Portrait Florian Kohl, Wiener Netze
Florian Kohl von den Wiener Netzen ist für die Digitalisierung und Strategie im Stromnetz verantwortlich. © Wiener Netze

Der Knackpunkt: das Niederspannungsnetz 

Wer aufmerksam durch Stadt und Land spaziert, sieht die Entwicklungen in Form von Solarpanelen auf Dächern, Windparks, Balkonkraftwerken, Wärmepumpen und E-Autos. „Und das alles schlägt sich genau auf jenen Bereich des Stromnetzes nieder, der auch für unsere Kund*innen von Bedeutung ist: Auf ihre Steckdose, oder besser gesagt unser Niederspannungsnetz, also die Leitungen, die die letzten Versorgungsmeter ausmachen“, sagt Florian Kohl.

„Eigentlich ist das Stromnetz so aufgebaut, dass die Kabel vom Kraftwerk bis zur Steckdose immer dünner werden, also zuerst sind Hochspannungskabel verlegt, dann die Mittelspannung und die Versorgung der einzelnen Haushalte passiert mit einer Spannung von 230 Volt. Wenn aber jetzt auch der Balkon zum Kraftwerk wird, muss sich auch etwas im Stromnetz ändern“, führt der Experte aus.

Ladestellen für E-Autos
Ladestellen für E-Autos, Wärmepumpen, aber auch PV-Anlagen: Alle brauchen ein stabiles Stromnetz. © Wien Energie / Glassner

PV-Anlagen, Wärmepumpen und E-Autos soweit das Auge reicht 

Und das hurtig: Allein im Jahr 2023 wurden mehr PV-Produktionsanlagen in Betrieb genommen als bis dahin insgesamt an das Netz angeschlossen wurden. „Und genau mit diesen neuen Tatsachen, mit der Veränderung des Energieflusses, müssen wir uns als Netzbetreiber auseinandersetzen“, sagt Kohl. Wenn dann auch noch mehr Strom in das Netz eingespeist als verbraucht wird, wird es eng im Stromnetz. Der Job der Wiener Netze ist, das Netz stabil zu halten. Dafür müssen sich Produktion und Verbrauch in der Waage halten. Eine Herausforderung, da der Stromverbrauch vielleicht gerade dann gering ist, wenn die Sonne am stärksten scheint und alle PV-Anlagen gleichzeitig Strom produzieren.

Mit Digitalisierung rascher reagieren und Balance halten

Automatische Schaltmöglichkeiten und Digitalisierung ist im Stromnetz auf der Hoch- und Niederspannungsebene, also bei den größeren Transportkabeln, schon lange üblich. „Aber auch im Niederspannungsnetz nutzen wir mittlerweile die Vorteile der Digitalisierung: Intelligente Trafostationen, so genannte Längsregler, aber auch Daten aus den Smart Metern helfen uns, den Überblick zu behalten und auch eingreifen zu können, wenn das nötig wird“, berichtet Florian Kohl. In modernen Trafostationen werden die Werte ermittelt und in die Zentrale der Wiener Netze übertragen. Moderne Transformatorstationen können auch von der Ferne angesteuert werden, um Umschaltungen vorzunehmen. So wie man zu Hause mit dem Lichtschalter das Licht ein- und ausschalten kann, können die Wiener Netze ihre Trafostationen fernsteuern. Und wenn Stromkabel mit einer Störung von der Ferne aus dem Stromnetz geschalten werden können, sind Kund*innen im Fall eines Stromausfalles rascher wieder versorgt.

Wie kann ich das Stromnetz entlasten?

Nicht zuletzt ist da aber auch der rasante technologische Fortschritt, der die Planung von Investitionen im Stromnetz bestimmt. Beispielsweise können Speicher dabei helfen, Produktionsspitzen abzufedern. Florian Kohl dazu: „Wenn jeder, der eine PV-Anlage hat, auch einen Speicher hätte, würde uns das sehr entlasten.“ Selbst Speicher zu betreiben ist Netzbetreibern nämlich laut gesetzlichen Vorgaben nicht erlaubt. Heute sind Speicher teuer. Aber wie sieht das in 10 Jahren aus? Und abgesehen von Speichern: Wer weiß schon, was die Zukunft an technologischen Innovationen sonst noch so zu bieten hat?

Planung, das ist Investition auf Sicht im Bewusstsein, dass auf Grund von Entwicklungen in wenigen Jahren schon alles anders sein kann. Denn freilich, man könnte um viel Geld größere Trafos verbauen oder dickere Kabel legen, aber das wäre eben auch teurer. „Wir brauchen so viel Netzausbau wie nötig, und nicht so viel wie möglich, damit wir uns in Zukunft nicht selbst im Weg zu stehen“, so Florian Kohl.

Ein Einfamilienhaus mit neuen Solarpanelen. ©AdobeStock/Marina Lohrbach

Wir bauen das Stromnetz für übermorgen

Der Schlüssel zum Erfolg liege genau darin, das richtige Maß an Investition und die richtige Bereitschaft für neue Innovation zu halten. Durch smarte Steuerung bleibt das Gesamtsystem stabil, während es sich radikal wandelt. „Wir bauen heute das Netz für übermorgen“, ist Florian Kohl überzeugt. Und die Wiener Netze nutzen die Digitalisierung, um die Energiewende in Wien und Umgebung zu ermöglichen und die Versorgungssicherheit in der gewohnt hohen Qualität zu halten.

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