Wer an die Wiener Netze denkt, denkt meist an Technik und Infrastruktur. Aber zwischen Bürogebäuden, Kantine und H2-Tankstelle ist im vergangenen Jahr ein kleines Paradies für Pflanzen und Tiere entstanden. Dort, wo früher kurz gemähter Rasen war, blüht heute eine vielfältige Blumenwiese.
Mehr Natur auf drei Flächen
Im Herbst 2024 startete ein besonderes Biodiversitäts‑Projekt am Gelände der Wiener Netze in Simmering. Die Idee dafür hatte Sandra Nebenführ, Mitarbeiterin der Environmental, Social and Governance-Abteilung der Wiener Netze. Sie war es, die die Idee eingebracht und Überzeugungsarbeit geleistet hat. Warum? „Ganz ehrlich: Der perfekt gestutzte Rasen war zwar ordentlich, aber so spannend wie eine weiße Leinwand. Da dachte ich mir, kann es nicht ein bisschen mehr sein? Aus dem Weinviertel stammend weiß ich Charme und Mehrwert der Natur zu schätzen. Und warum sollte das nicht auch für die Grünflächen am Betriebsgelände gelten“, erklärt Sandra Nebenführ.
Gedacht, getan und schon wurde ein Projekt auf die Beine gestellt, dass auch aus dem Zukunftsfonds der Wiener Stadtwerke gefördert wurde. „Die Stadtwerke hatten dann auch die Idee, dass wir das Biodiversitätsprojekt wissenschaftlich begleiten lassen und dafür haben wir mit der Uni Wien eine super Partnerin gefunden“, sagt Nebenführ.
Gemeinsam wurden der Rahmen des Projekts definiert: 3 verschiedene Wiesenflächen wurden umgestaltet.
- eine Wiese mit einem Meeting-Platz im Freien für Mitarbeiter*innen – ein sogenannter „Cooling Spot“
- eine Wiese am Rande eines Betriebsweges
- eine Wiese als Vergleichsfläche, die weiterhin regelmäßig, aber seltener gemäht wird
Auf den neuen Wiesen wurde der Boden vorbereitet. Es wurde Sand eingearbeitet und heimisches Saatgut ausgebracht. Auf der Vergleichsfläche blieb alles beim Alten. Und auf den Wiesen entwickelten sich aber Monat für Monat kleine Überraschungen.
Es summt, flattert und krabbelt
Die Natur ließ sich nicht lange bitten. Schon im Frühling 2025 begann es zu summen: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebfliegen fanden in den neuen Blumenwiesen Nahrung, Vögel nutzten die Wiesen als Jagd‑ und Ruheplatz. Über 170 verschiedene Tierarten zählte die Uni Wien auf den neu gestalteten Flächen. Auf der gemähten Vergleichsfläche entdeckten die Expert*innen der Uni nur rund 55 Arten.
Besondere Tiere und Erkenntnisse
Besonders spannende Tiere, die beobachtet wurden, waren: eine Wespenspinne, ein Stieglitz und sogar ein Feldhase, der unerwartet über die neue Wiese hoppelte. Arten, die man nicht in der Stadt vermutet und plötzlich mitten im Betriebsareal entdeckt wurden.
„Von Kolleg*innen, die auch am Wochenende oder nachts am Gelände arbeiten, wusste ich schon, dass sich hier auch mal Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Aber trotzdem hat mich das Ergebnis der Studie überrascht! Wir haben hier wirklich ein kleines Paradies geschaffen. Spätestens bei Wespenspinne und Igel war klar: Das ist keine reine Blumenwiese mehr; das ist ein All-inclusive-Resort für die lokale Tierwelt. Und als Wellness-Fan hat mich das natürlich auch sehr gefreut“, sagt Sandra Nebenführ.
Der Beweis ist also erbracht; Dort, wo seltener gemäht wird und Pflanzen Zeit haben zu wachsen, entstehen Rückzugsorte für verschiedene Tierarten. Mehr Blüten führen zu mehr Insekten, mehr Insekten führen zu mehr Vögeln, mehr Struktur in der Wiese zu stabileren Lebensräumen für alle Tiere. Auf der gemähten Fläche blieb die Vielfalt auf dem niedrigen Ausgangsniveau.
Ein großer Effekt für Flora und Fauna
Pilze, Spinnen, Schnecken und Bodenlebewesen waren auf allen Flächen zu finden. Aber besonders auf den naturnahen Wiesen konnten sich unterschiedliche Lebensräume entwickeln. Das Projekt zeigt auch: Biodiversität ist nichts Starres. Sie verändert sich und wächst weiter, wenn man sie lässt. Und: Schon kleine Änderungen machen einen großen Unterschied.